Ή στραβός είναι ο γιαλός ή στραβά αρμενίζουμε
25.05.2018

Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten

»Wenn du als Soldat einen Schritt in die besetzten Gebiete machst, dann ist das, als ob du deine Moral in den Reißwolf wirfst – nach einer Minute ist nichts mehr davon übrig.« Jehuda Schaul – Ex-Soldat der israelischen Armee und Gründer von Breaking the Silence

Israelische Soldaten
mit Kindern als menschliche Schutzschilde
Vergrössern

von Maria Lourdes

 

Die brutal wahren Erinnerungen einer Gruppe von Soldaten, die sich später schämten für das, was sie getan haben. Und die etwas machen wollten, die etwas verändern wollten (und wollen). Breaking the Silence ist eine NGO, die 2004 von Veteranen der israelischen Armee gegründet wurde, um die Besatzungspolitik zwischen 2000 und 2010 zu dokumentieren.

 

Im Grunde ist -meiner Meinung nach- die NGO Breaking the Silence, ein Teil der gelenkten Opposition. Trotzdem will ich einen Blick in das von Breaking the Silence herausgegebene Buch werfen. Im Laufe der Jahre wurden dafür über 800 Veteranen der Armee interviewt. Für das Buch hat Breaking the Silence 146 Augenzeugenberichte ausgewählt. Video über die Ausstellung “Breaking the Silence” im Willy Brandt Haus am Ende des Artikels. 

 

Veteranen  der israelischen Armee berichten von Schikanen und Übergriffen gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, die sie gesehen oder selbst begangen haben.  Ein schockierendes Dokument über das Vorgehen der israelischen Armee, die Realität in den besetzten Gebieten – und Zündstoff für einen Konflikt, der die Weltöffentlichkeit noch lange beschäftigen wird.

 

Eine Rezension von Martin Schnackenberg 

 

Seit 1967, also “ungefähr zwei Drittel seiner Geschichte, ist Israel nun schon eine Besatzungsmacht. Der israelische Staat ist nur 19 der jetzt 59 Jahre seiner Existenz frei gewesen vom bösartigen Geschwür der Okkupation.” Dieses Zitat stammt von den Autoren des Buches “Die Herren des Landes”, in welchem die israelische Siedlungsbewegung analysiert wird. Die Autoren formulieren hier etwas, was viele liberale oder linksgerichtete Israelis bereits seit langem erkannt und benannt haben: Die Besetzung der palästinensischen Gebiete ist ein Verhängnis für den israelischen Staat. Sie ist aber nicht nur politisch ein Verhängnis (aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt), sie ist es auch menschlich.

 

Und genau das macht dieses Buch überaus deutlich. Breaking the Silence besteht aus verschiedenen Versatzstücken. Da gibt es zum einen die Einführung, ein Vorwort von Avi Primor, einige Fotos (in der Regel von Soldaten gemacht), einige Karten (Gaza, Westjordanland) und da sind einführende Passagen, die jeweils die Hintergründe für die vier Teile des Buches liefern.

 

Ansonsten besteht der Band aber überwiegend aus kurzen (z.T. sehr kurzen) Interviews mit den Soldaten, die ihre Erfahrungen vor allem im Westjordanland schildern. Es sind Soldaten, die an Kontrollposten eingesetzt waren, die Straßensperren und Hausdurchsuchungen durchgeführt haben, die in Hebron Siedler und Palästinenser getrennt haben, die also all das gesehen und miterlebt haben, was Besatzungspolitik bedeutet. Diese kurzen Interviews (die längsten gehen etwa über vier Seiten, viele füllen aber auch nur eine Seite, bestehen nur aus einem Statement) sind sperrig, sind schwierig zu lesen – und zu verdauen.

 

Das Buch ist nichts zum Durchlesen, zum Verschlingen. Man muss sich immer wieder in neue Personen, neue Orte und neue Zusammenhänge eindenken. Man lernt immer wieder, in wenigen Zeilen, einen Menschen kennen, der den Mut hat, sich seiner Vergangenheit, seiner Einstellung zur Sache und nicht selten auch seinen Fehlern zu stellen. Dadurch setzt sich langsam ein Mosaik zusammen, dass die ganze Bandbreite dessen darstellt, was Besatzungspolitik im Westjordanland bedeutet.

  • Es geht dabei immer wieder um zweierlei Maß, um die Wertigkeit von Menschen.
  • Es geht darum, das israelische Siedler andere Rechte genießen als die Palästinenser.
  • Es geht darum, dass der palästinensischen Bevölkerung das Leben ungeheuer schwer gemacht wird.
  • Es geht darum, dass Steine werfende palästinensische Kinder mit schweren Sanktionen zu rechnen haben, während Siedlerkinder, die auch Steine werfen, kaum daran gehindert werden können.

 

Und es geht darum, was Besatzung aus den Soldaten und Soldatinnen, diesen unerfahrenen jungen Menschen, macht.

Und hier greift das Buch dann auch weit über Israel und das Westjordanland hinaus, es zeigt sich hier ganz allgemein, was Menschen mit anderen Menschen tun, wenn es ihnen erlaubt ist, wenn es scheinbar kaum noch Grenzen gibt. Ein junger Soldat umfasst es sehr gut: “Der Wahnsinn bricht in dir durch, einfach weil es möglich ist.”

 

Es wird deutlich, dass die meisten Soldaten ihr Tun erst später reflektieren konnten, dass scheinbar grundsätzlich jüngere Soldaten viel eher überfordert waren als ältere, dass im Krieg oder während einer Besatzung die Kategorien von richtig und falsch sehr schnell zerlaufen. Insofern ist dieses Buch für mich auch ein Buch über mich und die Frage gewesen: Wie hätte ich selbst mich denn verhalten?

 

Insgesamt hat “Breaking the Silence” sicher einige Mängel. Ich denke, dass die einführenden Passagen zu kurz sind, ich vermute, dass viele Leser, die sich nicht intensiv in diesen Konflikt eingearbeitet haben, Probleme haben werden, sich zu orientieren. Wer z.B. schon einmal in Hebron war und die groteske Situation kennt (eine kleine Siedlung mitten in einer engen und verwinkelten palästinensischen Innenstadt wird mit ungeheurem Aufwand “geschützt” vor den Palästinensern, mit unglaublichen Folgen für deren Leben), der wird jede Bemerkung dazu unmittelbar verstehen. Außerdem ist die Fragetechnik oft z.B. suggestiv und aus wissenschaftlicher Hinsicht nicht haltbar, einige Hinweise auf die Reaktionen der israelischen Bevölkerung auf dieses Buch wären zudem hilfreich und aufschlussreich gewesen. Und schließlich wäre es unter Umständen besser gewesen, einige der Interviewten genauer vorzustellen (was auch ohne Nennung der Namen möglich gewesen wäre), damit man sich als Leser besser in die Menschen hätte hineindenken können. Auf der anderen Seite denke ich, dass vielleicht gerade das Bruchstückhafte dieser “Collage aus vielen Stimmen” eine Stärke des Buches ist, auch wenn es uns das Lesen erschwert.

 

Es ist eben keine leichte Kost. Es sind die brutal wahren Erinnerungen einer Gruppe von Soldaten, die sich später schämten für das, was sie getan haben und Breaking the Silence gründeten.

 

Und das lässt dann doch ein wenig hoffen, denn es zeigt ja, das viele in der israelischen Gesellschaft erkennen, dass die Besatzung falsch ist, dass dort Unrecht geschieht. Das Buch zeigt, dass die israelische Gesellschaft offen ist für Diskussionen, für Erkennen und vielleicht auch für ein Umschwenken. Es spricht zudem für die Erziehung dieser jungen Menschen, für die Werte, die ihnen beigebracht wurden.

 

Da sind auf der einen Seite die für mich erschreckendsten Passagen dieses Buches, in denen deutlich wird, dass viele Siedler ihre Kinder dazu erziehen, die Palästinenser als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, dass diese Siedler die Kinder sogar dafür loben, wenn sie Steine nach Palästinensern schmeißen.

 

Aber auf der anderen Seite stehen eben diese jungen israelischen Soldaten, die das als falsch erkennen und die den Mut haben, das auch zu sagen. Das lässt mich darauf hoffen, dass irgendwann auch dieser Teil der israelischen Öffentlichkeit wieder stärker zu Wort kommt und die Politik wieder stärker bestimmt.

 

Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten

 

Quelle: lupocattivoblog.com/2012/11/22/breaking-the-silence-israelische-soldaten-berichten-von-ihrem-einsatz-in-den-besetzten-gebieten/

 


Rubrik: Balkan/Βαλκάνια
23.11.12
 von Maria Lourdes

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