Ή στραβός είναι ο γιαλός ή στραβά αρμενίζουμε
22.09.2018

Pornographie in der Warengesellschaft I

Fast scheint es, als ginge es der bürgerlichen Gesellschaft im Pornofilm darum, sich ideologisch für die Tatsache zu rächen, daß Sex eine durchaus nicht unvergnügliche Tätigkeit darstellt, bei der obendrein nicht der geringste industrielle Mehrwert erzeugt wird

Yves Saint Laurent (Kampagne 2003)

von Reinhard Jellen


»Möglich, daß das Ejakulat im Heteroporno die Aufgabe hat, die unscheinbare weibliche Lust zu repräsentieren. In diesem Zusammenhang werden die Höhepunkte aber vor allem durch eine Kette der Erniedrigung erzeugt, obwohl der Orgasmus trotzdem das dramatische Ende der Szene bleibt, etwa wenn ein mit Sperma verschmiertes Gesicht, um Atem und Fassung ringend, in die Kamera lächelt und die Schmach auch noch verbal verdoppeln muß.« (Manfred Hermes, Über neue Formen pornographischer Schmähung in Texte zur Kunst Nr. 64, Berlin 2007, S.75)

 

Bohrende Fragen an Onkel Sex: Woran liegt es nur, daß man sich einen TV-Werbespot vorstellen könnte, in dem Adolf Hitler gut gelaunt Golf spielen und dabei »All You Need Is Love« summen würde? Was ist der geschmackloseste Pissende-Zwerge-Porno gegen die Nachrichten in der Tagesschau? Die Perversen fallen nicht mehr sonderlich auf. Man lebt in Zeiten, die so obszön geworden sind, das sich selbst dieses Wort schämen würde, für die Beschreibung der Wirklichkeit herhalten zu müssen, und Madame Moral würde sofort zu kotzen beginnen, wenn sie erführe, von wem sie alles im Mund geführt wird. Aber vielleicht ist das auch kein schlechter Ausgangspunkt, weil es weniger denn je Sinn macht, für die Sitte zu plädieren damit man sich das Nachdenken spare. Die Zeichen stünden wahrscheinlich selbst für den versautesten Porno gar nicht schlecht. Zumal dort genau das vorkommt, worum es im Alttag, in der Kunst, in der Philosophie auch geht, nämlich um Subjekt-Objekt-Korrelationen.

 

Dabei käme es im geschlechtsaktdarstellenden Genre darauf an, ob die üblichen geschlechtlich-sozialen Haltungen perpetuiert, irritiert oder gar neue Verhaltensmuster aufgezeigt werden Außerdem bin ich entschieden dafür, daß die Herren mindestens genauso durchgebürstelt werden wie die Girls. (Tatsächlich ist die Demokratie nur in ganz seltenen Fällen die beste aller schlechten Regierungsformen, im Pornogeschäft oder generell in der Arbeitswelt wäre sie jedoch sehr angesagt.)

 

Und was kommt dabei heraus? Das, was sich die normalspackige SPD wählende-0815-Hete vom Porno-Nikolaus eben wünscht: Ein von arbeitsrechtlichen Bestimmungen befreites Dasein in der Sexfabrik. Dabei drängt sich die »strukturelle Parallele zwischen pornographischer Affektproduktion und neo-liberalem Kapitalismus« (Texte zur Kunst) auf: Der Wettbewerb ist überall. Mit der Muße wird auch der Sex dem Leistungsprinzip untergeordnet und verkommt zu einer Karikatur von Arbeitsleben. Fast scheint es, als ginge es der bürgerlichen Gesellschaft im Pornofilm darum, sich ideologisch für die Tatsache zu rächen, daß Sex eine durchaus nicht unvergnügliche Tätigkeit darstellt, bei der obendrein nicht der geringste industrielle Mehrwert erzeugt wird, insofern im Porno der Beischlaf abgeleistet wird wie eine Strafe, als Schwerstarbeit in einem Bergwerk, das so tief liegt, daß es an das Fitneß-Studio im obersten Stockwerk der Hölle grenzt. Ich wage also die These, daß der Spätkapitalismus so verdummt und verderbt ist, daß ihm aus innerer Notwendigkeit sogar Pornographie mißlingt. Dafür ist Schlaf der Sex der Nuller-Jahre: »Ein tabuisiertes Vergnügen, von dem man im Zeitalter des Neoliberalismus potentiell zu wenig hat und sich auch noch dafür schämen soll, wenn man mehr will« (Peter Mühlbauer).

 

Quelle: junge Welt vom 31.03.2007

http://www.jungewelt.de/2007/03-31/067.php?sstr=%7CPorno


2.05.07
 von Reinhard Jellen

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