Ή στραβός είναι ο γιαλός ή στραβά αρμενίζουμε
17.08.2018

Der Bundesminister kam nur bis Máleme

Σαν σημερα πριν απο 65 βχρονια, στις 13. Αυγουστου 1944, ο γερμανος κυβερνητης του φρουριου της Κρητης διεταξε "... το χωριο Ανωγεια να καταστραφει τελειως και ολοι οι αρσενικοι κατοικοι του να εκτελεσθουν ... " - Massaker der Wehrmacht auf Kreta: Vor 65 Jahren vernichteten die Nazis das Dorf Anogeia. Den jährlichen Gedenkfeiern entziehen sich Vertreter der BRD bis heute

»... befehlen wir, den Ort dem Erdboden
gleichzumachen und jeden männlichen
Einwohner Anógias hinzurichten ...«
Anordnung des »Kommandanten der Festung Kreta«
vom 13. August 1944
Foto: jW-Archiv
Μεγενθυνατε

von Frank Schumann


Den gepflegtesten Rasen gibt es unweit von Chánia. Man versinkt darin wie in einem Teppich. Das Gras auf dem Rest der Insel Kreta ist verbrannt. Wie die Erde, die man seinerzeit zurückließ. Der grüne, kühle Rasen befindet sich auf einem Anhang, von dem der Blick aufs blaue Meer fällt. Er deckt die Gebeine von annähernd 5000 Soldaten, kaum einer älter als 25 Jahre, als er auf oder vor der Insel sein Leben verlor. Die meisten der an die 30000 Wehrmachtsoldaten hingegen, die den fixen Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer eroberten, um den Nachschub für Rommels Nordafrikatruppen zu sichern, überlebten. Wie etwa der Exboxweltmeister Max Schmeling, der beim Absprung der ersten Welle der Luftlandetruppen am 21./22. Mai 1941 sich so schwer verletzte, daß für ihn die Sache erledigt war.

 

Die Anlage von Máleme, inmitten von Oliven- und Weinplantagen gelegen, ist in einem äußerst gepflegten Zustand. Deutschland läßt sich auch seine toten Soldaten einiges kosten. Und daß man ihrer selbst in der fernen Heimat gedenkt, macht beispielsweise der Besuch von Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (1992–1998) sichtbar, der per Foto in der kleinen Ausstellung dokumentiert ist. Oder die aktuellen Kranzschleifen. Etwa von den Freiwilligen Reservisten der Bundeswehr NRW, die einen sehr doppeldeutigen Bibelspruch an der Gedenkmauer zurückließen: »In jedem Ende seht ein Anfang. Betet für unsere Kameraden in Afghanistan.« Auch »Die Kameraden der 1. Gebirgsdivision« waren am 15. Juni 2009 da und befestigten ihre blauweiße Schleife an der Tafel am Eingang. Dort steht in festen Bronzelettern: »Sie gaben ihr Leben für ihr Vaterland. Ihr Tod soll uns immer Verpflichtung sein, den Frieden zwischen den Völkern zu bewahren.«

 

Überhaupt geht an diesem Ort viel vom Frieden die Rede. Die ausgelegten Karten und Flyer, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. stammen, stehen alle unter diesem Wort. Wieso aber »der Frieden« für Kreta 1941 endete und durch wen, wird so wenig erklärt wie das Wort »Täter« in den Texten vorkommt. Hier liegen ausnahmslos »Opfer«. Der Krieg, so scheint es, kam nach Kreta wie heutzutage die Schweinegrippe. Einfach so.

 

Unweit von hier, in Chánia, befand sich seinerzeit die »Opferzentrale«. Dort erließ am 13. August 1944 der »Kommandant der Festung Kreta« mit dem schönen deutschen Namen Walter Müller einen Befehl, der am Rathaus von Anogeia in Marmor gemeißelt ist. Dieser lautete: »Da die Stadt Anogeia ein Zentrum der englischen Spionagetätigkeit auf Kreta ist, da die Einwohner Anogeias den Sabotageakt von Damastá ausgeführt haben, da die Partisanen verschiedener Widerstandsgruppen in Anogeia Schutz und Unterschlupf finden und da die Entführer des Generals Kreipe ihren Weg über Anogeia genommen haben, wobei sie Anogeia als Stützpunkt bei der Verbringung nutzten, befehlen wir, den Ort dem Erdboden gleichzumachen und jeden männlichen Einwohner Anogeias hinzurichten, der innerhalb des Dorfes oder in seinem Umkreis in einer Entfernung bis zu einem Kilometer angetroffen wird.«

 

Bis zum 5. September wurden alle 950 Häuser zerstört, 117 Menschen exekutiert. Die meisten hatten sich noch in die Berge flüchten können. In jenen Tagen und Wochen gingen weitere Bergdörfer in dieser Gegend in Flammen auf: Gerakiri, Kardaki, Vrisses, Drigies, Ano Mero … Ihre Vernichtung wurde in einen kausalen Zusammenhang gebracht mit dem Kidnapping eines der Wehrmachthäuptlinge auf der Insel, was zwar spektakulär, aber militärisch so sinnlos wie die Bombardierung Dresdens war. Die Entführung Kreipes war vom britischen Geheimdienst organisiert und von den kretischen Partisanen unterstützt worden. Als in der Folgezeit gleichsam im Blutrausch die deutsche Soldateska mordend und brandschatzend durch die Berge zog, wandte sich entsetzt einer der Partisanenführer an die zuständigen Briten. Harokopos, Sohn eines jener Partisanen, gibt in seinem in Griechenland erschienenen Buch (»Die Entführung von General Kreipe«) den Dialog so wieder: Kreta stehe in Flammen, sagt einer erregt. Darauf der Brite: Wie viele Dörfer brennen? – Sechs oder sieben. – Und wie viele Dörfer hat Kreta, fragte er weiter. –

 

Welche Bedeutung hat das? – Das werde ich dir erklären: Kreta hat ungefähr 1300 Dörfer. Einige davon sind zerstört worden. Weitere sechs oder sieben stehen jetzt in Flammen. Weder brennt ganz Kreta noch wird dies in Zukunft geschehen. Die Stunde der Befreiung naht.

 

Historisch gesehen hatte der Brite recht. Aber die Haltung ließ auch nichts an Deutlichkeit missen.

 

Anogeia liegt 800 Meter hoch und vielleicht 70, 80 Kilometer Luftlinie von Máleme entfernt. Das Städtchen zählt heute knapp zweitausend Einwohner, es wurde nach dem Krieg mit amerikanischem Geld aufgebaut. An die Vernichtung vor 65 Jahren erinnern die Tafeln mit Müllers Befehl in deutsch, griechisch und englisch am Rathaus und ein Denkmal davor, in das die Namen der Ermordeten eingemeißelt sind. Und alljährlich die Gedenkveranstaltungen.

 

Sokrates E. Kefalojannis, der 34jährige Bürgermeister, überreicht mir eine Einladung für dieses Jahr. Der Gedenktag ist eingebettet in ein Programm, das vom 5. bis 17. August dauert. Kefalojannis stammt aus dem Ort, ist studierter Computerfachmann, parteilos und vor zwei Jahren ins Amt gewählt worden, als seine Freie Wählergemeinschaft mit acht Abgeordneten die stärkste Fraktion bildete. Der freundliche, viel beschäftigte Mann spricht ein so mäßiges Englisch wie ich selbst, weshalb er eine junge Frau zum Dolmetschen hinzu bittet.

 

Eigentlich habe ich nur eine Frage: Ob ein deutsches Regierungsmitglied sich schon einmal hierher verirrt habe, etwa wie Rühe nach Máleme. Denn wie der Anruf im Konsulat im 30 Kilometer entfernten Heraklion, wo man sich für Anogeia als nicht zuständig erklärte, das wäre das Konsulat in Chánia, zeigte, hat man an diesem Thema erkennbar wenig Interesse. Ja, da kämen immer Einladungen, aber die nähme man nicht wahr. Wie man das in Chánia hält, war nicht zu eruieren.

 

Also, er könne nicht sagen, daß deutsche Politiker prinzipiell einen Bogen um den Ort machten, erklärt Sokrates E. Kefalojannis. Zweimal schon in seiner Amtszeit wäre der deutsche Konsul hier gewesen. Er ruft zum Beweis in seinem Computer die Bilderchronik auf und dreht mir den Flachbildschirm zu. Hier. Das letzte Mal zur Eröffnung einer Museumsausstellung im Juni.

 

Aber nicht zum Jahrestag?

 

Welche Bedeutung hat dieser 13. August im Leben der Gemeinde?

 

Man erinnere daran, aber ansonsten sei man ... Dolmetscherin Angeliki, die 28 Jahre in Deutschland lebte und in Mannheim studierte, stutzt und fragt mich. »Modern? Kann man das so sagen?« Gemeint sei wohl vorwärts- und nicht rückwärtsgewandt, sage ich. Sie fragt zurück. Kefalojannis nickt.

 

Ob alle im Ort so dächten wie er, daß für sie dieses Kapitel abgeschlossen sei. »Ne«, sagt der dynamische Bürgermeister. Das ist griechisch und heißt bekanntlich »ja«. Zwischendurch hantiert er mit drei Handys und einem Telefon, er ist wirklich schwer beschäftigt, wie mir sein Vorzimmer schon sagte. Die Stadt expandiert, rings an der »Peripherie Road« wachsen die Hotels in den blauen Himmel, die Touristen, auch deutsche, bringen Geld ins Stadtsäckel, das besser gefüllt zu sein scheint als die vergleichbarer kretischer Orte.

 

Draußen vor der Tür sagt die hübsche Angeliki, daß sie mich verstehe. Sie habe den gleichen Konflikt mir ihrem Vater gehabt: Wieso er als Überlebender als Gastarbeiter nach Deutschland habe gehen können? Ins Land der Täter. Sie habe das nie verstanden. Auch jetzt nicht. Aber vielleicht ist es auch besser so. Zu vergessen und zu verdrängen. Irgendwann müsse man das abschließen.

 

Auf dem Weg zum Wagen blitzt etwas Metallisches in der Sonne. Ich bücke mich. Es ist eine Platzpatrone für Kleinkaliber. Auf der Unterseite ist eingeprägt O. F. L. 9 mm P. A. Was die Kürzel bedeuten, weiß ich nicht. Nur das eine Wort kann ich deuten. Es heißt KNALL. Das ist deutsch.

 

Wenigstens ist also deutsche Munition vor Ort, wenn mit Gottesdienst, Reden und Kranzniederlegungen an das Massaker vor 65 Jahren in Anogeia erinnert wird.

 

Quelle: junge Welt, 13.08.2009


13.08.09
 von Frank Schumann

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